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LASSEN - Auszug

Er spürte eine ungewohnte Zärtlichkeit an seinem Arm, leise sprach eine Stimme an sein Ohr, von Ärzten, die ihm etwas sagen mussten, er konnte sie kaum verstehen, Schwester Beatrice, die ihm seine Arme abrieb, mit Lavendelöl.
"Ich habe den Ärzten versprochen, es dir zu sagen. Sonst müssten sie es tun, aber ich denke, so ist es dir lieber." Die Stimme klang vertraut. Hatte sie wirklich du gesagt?
"Sie brauchen es nicht zu sagen, ich habe verstanden." Er fühlte sich schwach. Langsam und mit sehr viel Sorgfalt, ja zärtlich, strich sie über seine Unterarme. Er schloss die Augen und genoss diese Nähe. "Du wirst leiden. Es wird wehtun und sie werden es nicht ändern können. Sie können dir Morphium geben, aber nur bis zu einem gewissen Grad, und selbst die höchstmögliche Dosierung wird dir die Schmerzen nicht ganz nehmen können." Sie strich weiter ganz sacht über seine Arme, seine Hände hinunter bis zu den Fingerspitzen.
"Es wird wehtun, und sie werden es nicht ändern können." Nichts tat ihm weh, nichts war schlimmer geworden als in den Tagen, die er schon hier lag. Was wollten sie von ihm? Ihm Angst machen? Sich aufspielen, ihre Macht ausnutzen? Das war doch alles nicht wahr! Wer sagte denn, dass es ihm so schlecht ging. Die redeten ihm das ein, und er hat das mitgemacht, hat es einfach mit sich machen lassen, sich ihre nichtssagenden Diagnosen angehört, die mitleidigen Blicke ertragen, sich dem Regiment des Krankenhauses unterworfen, statt einfach aufzustehen und zu gehen, sich wieder selber verantwortlich zu fühlen für sein Leben. Was bringt es ihm denn, hier im Bett zu liegen und zu warten, bis es vorbei ist. Was hielt ihn noch hier? Die Angst, dass es ihn umbringt, wenn er jetzt hinausgeht? Ein guter Witz. Hatte er wirklich noch irgendwo eine Hoffnung vergraben in seinem Inneren?
Er wollte nicht im Liegen sterben, warten, bis ihm die Luft ausgehen und sein Körper ganz versagen würde. Auf einer Bank wollte er sitzen, ausruhen, neben Maria wollte er sein, den Arm um sie gelegt, das Bergpanorama ansehen und einfach herunterfallen von der Bank; barfuss auf dem kalten Sandstrand laufen, Hand in Hand mit ihr, so lange laufen, bis er umfallen würde, tot, vorbei, vom Wind leicht hinweggeweht.
Entschlossen setzte er sich auf. Er fühlte sich stark. Vorsichtig nahm er die Nadeln aus den Schläuchen, stieg aus dem Bett, zog Hose und Pullover über, vermied den Blick in den Spiegel, als er die Schuhe anzog und ging zur Tür hinaus auf den Flur. Niemand war zu sehen. Er ging aufrecht den Gang entlang zum Fahrstuhl. Unten angekommen ging er an der Pforte vorbei, ganz selbstverständlich. Vor der Tür stand die Straßenbahn, er stieg ein und fuhr zum Bahnhof. Als er sich setzte, erlaubte er sich, seinen Zustand zu prüfen. Es ging ihm gut. Ihm war nicht schwindlig, nichts tat ihm weh, er fühlte sich weiterhin kräftig und dem Abenteuer gewachsen. Er summte eine Melodie und blickte wie ein Schelm zum Fenster hinaus, voller kindlicher Freude, dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen zu haben. Leicht stieg er aus der Straßenbahn und nahm den ersten Zug, der in die Berge fuhr. Maria muss ich anrufen, schoss es ihm durch den Kopf. Sie muss doch mitkommen. Er ließ es zwanzig Mal klingeln, mindestens. Sollte er umdrehen? Nein, er würde sie schon noch erreichen und sie würde zu ihm kommen, in einer Stunde oder später, das spielte keine Rolle. Er beschloss, sich auf die vorüberziehende Landschaft zu konzentrieren, es zu genießen in dem Wissen, dass er dies zum letzen Mal sehen würde. Zum letzten Mal. Ohne wirklich zu wissen, was er fühlte, begann er zu weinen. Abschied nehmen, nie wieder, zum letzten Mal - diese Worte liefen wild durch seinen Kopf, und am liebsten hätte er gerufen: Ja, ich bin da. Ich bin da! Seine Nase klebte an der Fensterscheibe, seine Freude und seine Trauer hinterließen Spuren auf dem Glas. Mit den Händen klammerte er sich an das Fenster.

"Herr Luris? Ist alles in Ordnung?" Die Stimme klang besorgt. "Sie müssen sich nicht aufregen. Wir werden die Dosis erhöhen. Sonst werden die Schmerzen zu stark."
Er öffnete die Augen und sah in das Gesicht einer Schwester, die er noch nie gesehen hatte. Sie bettete seinen Körper auf das Kissen zurück. Nicht die Landschaft mit den Bäumen und in der Ferne die Berge mit ihren weißen Spitzen waren um ihn, nein, diese Schwester und der weiße Raum. Er hatte das geträumt? Ruhig sah er dieser Schwester in die Augen, enttäuscht und schwach. Sie bereitete die Infusion vor. Er verfolgte sie mit seinem Blick, langsam und beherrscht, meinte, Schwester Beatrice auf der anderen Seite zu erblicken, schaute ins Leere, meinte, die Geschwindigkeit des Zuges noch spüren zu können, ein Rattern und Ziehen, das sich in seinem Körper breit machte, im Bauch fing es an, ein Schmerz, den er nicht kannte, den er nicht ausfindig machen konnte, als bahnten sich die Bäume und Berge ihren Weg durch ihn hindurch, spießten ihn auf mit den stachligen Nadeln und den spitzen Gipfeln. Er wollte sich wehren gegen diese Einverleibung, diesen sinnlosen Angriff auf seinen Körper. Reichte es nicht, dass er hier lag und wartete, seinem Tod in Ruhe und Würde entgegensah? Warum musste er noch mehr leiden? Warum?

 

 

 

 

 

GESCHICHTEN FÜR DICH - Auszug

Manchmal lief ich auch alleine über die Brücke, wenn ich mit meiner Freundin unten am Wasser zum Spielen verabredet war. Meist kam sie mit dem Puppenwagen und wollte Vater, Mutter, Kind spielen. Ich hasste dieses Spiel und ließ mir alles Mögliche einfallen, um sie auf das Klettergerüst oder auf die Renntrommel, mein absolutes Lieblingsspiel, zu locken. Aber das fand sie blöd, einfach auf einer großen Trommel zu laufen, die man so zum Drehen brachte. Auch klettern mochte sie nicht. Sie war ziemlich dick, und da konnte sie sich wohl nicht so gut hochhangeln und Rollen drehen auf der Kletterstange.
Wir einigten uns meistens auf halbe halbe, und ich hatte meine Tricks, das Vater-Mutter-Kind-Spiel frühzeitig zu beenden. Wenn ich Kind war, schlief ich ein, und wenn ich Vater war, setzte ich mich auf die Bank, las Zeitung, rauchte eine Pfeife und gab nur brummende, unverständliche Antworten. Das Mutterspielen blieb mir erspart, diese Rolle wollte meine Freundin nicht abgeben.

Als ich also alleine über die Brücke ging, an dem alten Mann vorbei, dem ich kein Geld gab, weil ich keines dabei hatte, trotzdem ging ich ganz nah an ihm vorbei, näher, als wenn meine Mutter dabei gewesen wäre, ich war neugierig, diese Lücken in seinem Mund, die langen Bartstoppeln in seinem Gesicht, das so dunkel war. Seinen Geruch konnte ich riechen, der abgestandene Knoblauchgeruch, der aus seinem vom Lächeln geöffneten Mund kam, etwas Bitteres, Säuerliches war um ihn, und die durchschwitzte Decke roch nach Pferdestall. Manchmal sagte er auch etwas zu mir "Darfst du schon alleine gehen" oder "Küss die Hand, junges Fräulein". Dann warf er mir einen Handkuss zu, ganz übermütig. Ich lief dann immer schnell weiter, das war alles so komisch, ich kicherte vor mich hin, ich wusste nicht, wie ich das finden sollte, meistens drehte ich mich noch einmal um, dann lächelte er wieder.
Wenn ich dann hoch blickte in die linke Ecke, dann war er nicht da, der alte Mann, der doch sonst immer alles beobachtete.
Meiner Freundin erzählte ich nicht von dem Mann, weder vom Bettler, noch von dem in der linken oberen Ecke, auch nicht von dem grusligen Bild in meinem Zimmer.
Und dann kam ein Tag im Frühling, ich durfte endlich ohne Strumpfhose gehen, nur mit Kniestrümpfen, da ging ich wie immer über die Brücke, schlenderte an dem alten Mann vorbei, da packte er mich mit der einen Hand am Knöchel und mit der anderen umfasste er mein nacktes Knie. Ich wäre fast umgefallen, denn er zog mich gleichzeitig in seine Richtung, er wäre fast vornüber gekippt, so weit musste er seine Arme ausstrecken, um mich zu fassen zu kriegen. Dabei lachte er mit weit geöffnetem Mund, und sein ganzer abgestandener Knoblauchgeruch fiel über mein Gesicht. Mir wurde übel, ich wollte schreien, aber das konnte ich nicht, warum, weiß ich nicht. Er strich mir noch den Oberschenkel entlang, außen und innen, dann ließ er mich los. Ich rannte die Brücke weiter, die Treppen hinunter zum Wasser, wo meine Freundin schon wartete. Ich gab vor, Ärger mit meinem Bruder gehabt zu haben. Das war die beste Ausrede, denn sie hatte wirklich immer Ärger mit ihrem großen Bruder, so dass sie das sehr gut verstehen konnte. Ich hatte es auch gar nicht eilig, nach Hause zu gehen und spielte an diesem Tag ganz brav und ausgiebig Vater-Mutter-Kind.
Auf dem Heimweg hatte er nicht mehr auf der Brücke gesessen, trotzdem rannte ich den Weg bis zur Haustür, und auch die drei Stockwerke hoch rannte ich. Dann klingelte ich Sturm, aber auch das war nichts Ungewöhnliches, denn meistens musste ich als erstes ganz dringend auf die Toilette. Das tat ich auch. Ich ließ das eiskalte Wasser, das aus dem Wasserhahn kam, in meine Hände fließen und rieb damit meine Beine ab, auch die Kniestrümpfe schob ich nach unten und rieb meine Unterschenkel genauso intensiv ab. Dann wusch ich mein Gesicht, schnäuzte meine Nase ganz oft, aber den Geruch konnte ich nicht wegmachen.

Als ich dann im Bett lag und meinen Kopf nach rechts drehte, da hockte dieser alte knochige Mann auf dem Stuhl. Es roch nicht gut in dem Zimmer, in dem er war. Er selber roch nicht gut. Er stank nach abgestandenem Knoblauch.
Der Mann in der linken oberen Ecke war auch da. Er nickte ganz freundlich, etwas abwesend, als hätte er mich nicht gesehen auf der Brücke. Ich wollte meine Ruhe haben und drehte mein Gesicht zur anderen Wand.

Als ich am nächsten Tag beim Mittagessen meiner Familie von dem Bild erzählte, dem dunklen, auf dem dieser alte Mann abgebildet war, lachten alle ganz laut. Ich hatte fragen wollen, ob das Bild nicht woanders hängen konnte. Ich hatte auch nur sagen wollen, dass es mir nicht gefiel. Ich hätte nicht gesagt, dass ich Angst vor dem Bild hatte, vor dem Mann auf dem Bild, der so schlecht roch, nach abgestandenem Knoblauch. Und ich hätte auch nicht gesagt, dass mir der andere alte Mann, der links in der oberen Ecke, der mit dem runden Gesicht, der mir fast überall hin folgte, dass mir der eigentlich genug war. Ich hätte wirklich nur gefragt, ob das Bild aus meinem Zimmer raus kann.
Aber dazu kam es nicht. Denn es gab keinen Mann in dem Bild. Deshalb lachten ja auch alle, weil auf dem Bild nur ein Stuhl zu sehen war, über dem ein Trenchcoat hing und ein Hut. Aber es saß niemand auf dem Stuhl. Deshalb blieb das Bild in meinem Zimmer hängen.

Jeden Abend versuchte ich, nur den Stuhl zu sehen und den Hut und den Mantel und keinen Mann darin. Keinen Abend wollte es mir gelingen.

 

 

 

 

 

 

PRESSE

Das sagen andere über die literarische Arbeit von Ingrid Kaech:

Lore Bardens am 24.2.2006 in den Potsdamer Neueste Nachrichten
Aber eigentlich war man gekommen, um eine Entdeckung zu machen: Ingrid Kaech … verfügt nicht nur über einen sicheren Stil, eine perfekte Vorstellungskraft und die Fähigkeit, eine Figur lebendig werden zu lassen. Sie hat eine Stärke, die ihre gelesenen Texte mit einer Dimension adelte, die man künstlerisch nennen muss. Die Sehnsuchtskraft der Figuren ihrer "Los"-Texte ist alles andere als pathetisch, die Tiefe der Gefühle kommt barfüßig trippelnd daher, so dass man am Ende durch den Schwung, den diese rondoartigen Texte erzeugten, fast mit ihrer "haltlosen" Figur abheben wollte in luftige Höhen oder mit der "orientierungslosen" Ich-Figur, deren Liebe tot ist, unendlich tief fallen. Das hatte Größe und atemlosen Atem.

der Tagesspiegel vom 08.02.05
Stille, unprätentiöse Stücke wie die rührende Leihmutter-Tragödie "Als das Wünschen nicht mehr geholfen hat" von Ingrid Kaech sind da zu nennen.

die Märkische Allgemeine vom 17.02.03
Tiefen Eindruck hinterließ das Gedicht "Es ist kalt" ... das schon allein sprachlich einen Höhepunkt des Abends darstellt.